Liebe Leserinnen und Leser,
Ist alles verloren? Wenn ich an Karfreitag denke, dann scheint es so. Nichts geht mehr. Christen aller Welt halten inne, gedenken des Todes Jesu am Kreuz. Keine Hoffnung mehr? Tatsächlich: Kein Engel kommt, kein Wunder geschieht. Es ist wie immer. Die Starken, die Brutalen gewinnen. Auf Angst und Verrat folgen Folter, Verurteilung, Schmerz und Tod. Und am Ende noch das grausame Bild von Maria, der Mutter Jesu, die ihren toten Sohn vom Kreuz abnehmen und begraben muss. Auch das noch - zum Schmerz Jesu tritt noch der Schmerz einer Mutter hinzu, die ihren geliebten Sohn sterben sieht und ihn nun auch noch begraben muss. Aus. Vorbei!
Es scheint wie immer, vielleicht sogar ganz besonders wie in diesen Tagen. Denn auch heute stoppt niemand den brutalen Krieg in der Ukraine. Vermutlich zehntausende Menschen sind schon verletzt, geflohen, verschollen, verstorben – und das Leiden wird täglich mehr.
Kann man da überhaupt noch hinschauen? Und was ist überhaupt mit uns, wie soll das hier noch weitergehen? Ist es nicht naiv, nach den Katastrophen der Pandemie, des Klimawandels und des Krieges überhaupt noch an eine gute Zukunft zu glauben?
Karfreitag – und ebenso der Karsamstag – tun sich schwer mit allzu schnellen Antworten. Diese Tage zwingen uns vielmehr, einmal innezuhalten und zu verweilen – bei Jesus am Kreuz, bei seiner im wahrsten Sinn des Wortes tottraurigen Mutter ebenso wie bei den Opfern brutaler Gewalt der Gegenwart.
Und doch: Wenn wir uns wirklich mal Zeit fürs Innehalten nehmen, spüren wir vielleicht etwas durchaus Seltenes und Besonderes: Wie wichtig diese Zeit bist – auch und gerade für die Trauernden, die Leidenden, die Opfer unserer Zeit. Die Stille solch einer Zeit ist kaum auszuhalten, wir sind das ohnehin kaum noch gewöhnt. Stille, Präsenz, Gegenwärtigkeit - wirken heilsam – auch für unsere eigenen Wunden. Im Hinschauen, Zulassen, öffnen der Wunden geschieht Annahme – und es beginnt ein Weg der Erlösung.
In diesem Sinne wünscht Ihnen allen einen stillen, heilsamen Karfreitag
Ihr Christian Fahl, katholischer Pfarrer der Pfarrei Zum Guten Hirten an der Dill, Dillenburg